Ein Backtest mit 200 Trades fühlt sich an wie Gewissheit: eine Kurve, ein Endstand, ein Urteil. Aber diese Kurve ist nur eine von vielen Reihenfolgen, in denen dieselben Gewinner und Verlierer hätten fallen können. Würfle die Reihenfolge neu, und aus derselben Edge wird ein anderes Konto — manchmal ein deutlich besseres, manchmal eines, das du nach der Hälfte entnervt geschlossen hättest.
Genau das macht eine Monte-Carlo-Simulation sichtbar. Sie nimmt drei nüchterne Zahlen — Trefferquote, mittleren Gewinn in R, Risiko pro Trade — und spielt daraus nicht eine Zukunft durch, sondern tausend. Das Ergebnis ist keine Linie, sondern ein Fächer. Und dieser Fächer ist das ehrlichste Bild, das du von deinem Handelssystem bekommen kannst, bevor echtes Geld darin steckt.
Erst die Sprache: R, nicht Euro
Der Simulator rechnet in R-Vielfachen, wie das ganze Haus hier: Ein Verlust ist per Definition 1 R — der Betrag, den du pro Trade aufs Spiel setzt. Ein Gewinn ist ein Vielfaches davon, der Payoff. Trefferquote und Payoff zusammen ergeben den Erwartungswert pro Trade:
Erwartungswert = Trefferquote × Payoff − Verlustquote × 1 R.
Bei 45 Prozent Trefferquote und 2 R Payoff sind das +0,35 R pro Trade. Das klingt unspektakulär — und soll es auch. Denn ob aus +0,35 R pro Trade ein wachsendes Konto wird, entscheidet nicht der Erwartungswert allein, sondern seine Streuung. Die siehst du unten.
Monte-Carlo-Simulator
Ein Backtest ist EIN Pfad. Dieselbe Edge, 1.000-mal gewürfelt, ist eine Verteilung. Stell deine Zahlen ein — am besten die aus deinem Journal, nicht die aus deinen Wünschen.
1.000 Läufe, deterministischer Seed — gleiche Eingaben, gleiches Bild.
Erwartungswert pro Trade
+0,35 R
Tragfähige Edge: Entscheidend ist jetzt, ob du die Verluststrecken unten links aushältst, ohne das System zu wechseln.
Median-Ende
+97 %
P5-Ende (schwacher Ast)
+42 %
P95-Ende (starker Ast)
+174 %
Max-Drawdown (Median / P95)
−10 % / −15 %
Längste Verluststrecke (Median / P95)
8 / 12 Verlierer in Folge
Der Kill-Switch-Vergleich
Beide Zeilen entstehen aus denselben Würfen — der Unterschied ist allein die Regel, bei −25 % den Handel zu stoppen.
| Läufe, die −25 % berühren: 0 % | Median-Ende | P5-Ende (schwacher Ast) |
|---|---|---|
| Ohne Stopp | +97 % | +42 % |
| Mit Stopp | +97 % | +42 % |
In dieser Konstellation berührt kaum ein Lauf die Schwelle — der Kill-Switch kostet nichts und steht trotzdem Wache.
Lektion eins: Der Median ist nicht dein Backtest
Schau zuerst auf die drei End-Zahlen unter dem Fächer. Der Median ist der mittlere Ausgang — die Hälfte aller Läufe endet darunter. Das P95-Ende ist der starke Ast: der Lauf, den du im Prospekt zeigen würdest, wenn du ein Guru wärst. Das P5-Ende ist der schwache Ast: dieselbe Edge, dieselbe Disziplin, nur anderes Würfelglück.
Der Abstand zwischen diesen Ästen ist keine Schwäche des Systems. Er ist das System. Wer nur eine Kurve gesehen hat, hält den starken Ast für verdient und den schwachen für einen Fehler. Wer den Fächer gesehen hat, weiß: Beide waren von Anfang an im Spiel.
Lektion zwei: Verluststrecken sind Normalfall, nicht Unfall
Die Kennzahl, an der Konten wirklich sterben, steht in der Zeile »Längste Verluststrecke«. Bei 45 Prozent Trefferquote über 200 Trades liegt die längste Serie von Verlierern im Median bei acht bis neun in Folge — nicht als Pech, sondern als mathematischer Normalfall. Im P95-Lauf sind es noch ein paar mehr.
Diese Zahl solltest du kennen, bevor sie passiert. Denn die teuerste Reaktion auf eine normale Verluststrecke ist, mitten in ihr das System zu wechseln — und damit die Edge aufzugeben, kurz bevor sie zahlt. Die Verlustaversion sorgt zuverlässig dafür, dass sich acht Verlierer in Folge wie zwanzig anfühlen.
Lektion drei: Was ein Kill-Switch wirklich leistet
Die Vergleichstabelle am Ende des Simulators ist der Kern des Werkzeugs. Beide Zeilen entstehen aus denselben Würfen; der einzige Unterschied ist eine Regel: Fällt das Konto unter die Schutzschwelle, wird der Handel gestoppt und das Restkapital eingefroren.
Das Ergebnis überrascht die meisten beim ersten Mal: Der Median bewegt sich kaum. Ein Kill-Switch kostet in den normalen Läufen fast nichts — er greift ja nicht. Aber er kappt den schwachen Ast, und zwar exakt dort, wo aus einem Drawdown eine Schuldenfalle der Prozentrechnung wird: −50 Prozent brauchen +100 Prozent zurück.
Ein Kill-Switch verbessert also nicht deine Edge. Er sorgt dafür, dass du den Tag erlebst, an dem sie greift. Deshalb ist er in der WVPO-Methodik keine Empfehlung, sondern Vertragsbestandteil — als mechanische Sicherung, die im WVPO-Handelsjournal neben jedem Trade steht, nicht in einem guten Vorsatz.
Woher die Zahlen kommen müssen
Ein Monte-Carlo-Simulator ist so ehrlich wie seine Eingaben. Mit einer Wunsch-Trefferquote von 65 Prozent und 3 R Payoff produziert er dieselben schönen Fächer wie jedes andere Werkzeug — Müll rein, Müll raus, nur hübscher.
Die belastbare Quelle für Trefferquote und Payoff ist ein geführtes Journal: dokumentierte Trades desselben Setups, nach denselben Regeln, über genug Fälle. Genau dafür existiert die Edge-Datenbank — jede Entscheidung wird erfasst, und aus dem Bestand entstehen die Zahlen, die du hier einstellst. Erst dann zeigt der Fächer deine Zukunft und nicht deine Fantasie. Wie du das Risiko pro Trade wählst, das der Simulator als Stellschraube nutzt, steht im Beitrag zur Positionsgröße.
Hinweis: Lehrschema mit vereinfachten Annahmen (unabhängige Trades, konstante Trefferquote, fester Payoff, keine Kosten und keine Slippage). Kein Renditeversprechen, keine Anlageberatung, kein Handelssignal. Es gilt der Risikohinweis.
Die Realität ist unbequemer als jedes Modell: Trefferquoten wandern mit dem Regime, Payoffs streuen, und die schlechten Phasen kommen gern gebündelt. Deshalb steht am Anfang der Methode nicht die Simulation, sondern der Filter — welche Marktphase überhaupt gehandelt wird. Die Simulation beantwortet danach die zweite Frage: Ob du das, was übrig bleibt, finanziell und psychologisch überlebst.
Den Maschinenraum abonnieren
Neue Beiträge per Mail — Double-Opt-in, jederzeit abbestellbar, kein Spam.