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Market ReadingForensic instruments · tool no. 513 min read

Der Ursache-Wirkung-Projektor — wie eine Seitwärtsphase ihr Kursziel verrät

Wyckoffs zweites Gesetz misst Kursziele nicht in der Zukunft, sondern links im Chart — waagerecht, über den P&F-Count. Dieses Werkzeug übersetzt Kerzen in Spalten, lässt dich die Count-Line ziehen und misst am echten Gold-Fall nach, was die Projektion taugte.

This tool feature is currently available in German only. An English version will follow.

Am 1. März 2024 schließt der Gold-Future bei 2.086,90 Dollar — zum ersten Mal nachhaltig über einer Oberkante, an der der Markt seit August 2020 immer wieder gescheitert war. Für die meisten Beobachter ist das eine Ausbruchskerze wie hundert andere: etwas Momentum, etwas Volumen, ein neues Hoch. Nichts an dieser Kerze verrät, dass hier eine Bewegung von mehreren hundert Dollar beginnt.

Und das ist der Punkt: Die Kerze verrät es nicht. Die Antwort steht links davon. Dreieinhalb Jahre Seitwärtsphase, auf dem Point-and-Figure-Chart 21 Spalten breit — eine der breitesten Basen, die Gold je gebaut hat. Wyckoff hätte an diesem Tag nicht auf die Ausbruchskerze geschaut, sondern die Kongestion vermessen: waagerecht, Spalte für Spalte. Denn sein zweites Gesetz sagt, dass die Wirkung einer Bewegung proportional zu ihrer Ursache ist — und die Ursache ist die Breite der Basis, nicht die Dramatik des Ausbruchs.

Dieselbe Logik erklärt auch das Gegenstück, das jeder Trader kennt: den Ausbruch, der nach drei Tagen erstickt. Gleiche Kerze, gleicher Schub — aber links davon nur eine Mini-Range, ein paar Spalten, kaum aufgebaute Ursache. Wenig Spalten heißt wenig Cause heißt wenig Wirkung. Wer nur Ausbruchskerzen vergleicht, kann diese beiden Welten nicht unterscheiden. Wer die Ursache misst, kann es.

Bleibt die Frage, die dieser Beitrag beantwortet: Wie misst man die Kraft einer Seitwärtsphase, bevor der Trend sie beweist — und warum ist die populäre Abkürzung, einfach die Range-Höhe zu addieren, nicht dasselbe? Das Werkzeug führt die Original-Messung durch, Handgriff für Handgriff. Am Ende steht die Nachmessung am echten Gold-Fall: was der Count sagte, was der Markt lieferte und wo er zum Datenende noch offen war.

Warum dieses Instrument

Kapitel 9.3 formuliert die drei Wyckoff-Gesetze als drei Fragen an jede Marktsituation: Wer ist der Aggressor (Angebot und Nachfrage), wie weit kann es gehen (Ursache und Wirkung), ist die Bewegung echt (Anstrengung und Ergebnis). Dieses Werkzeug widmet sich der mittleren Frage — der Proportionsfrage. Das Gesetz dazu, wörtlich aus dem Buch: Die Ursache, also die Konsolidierungsphase, muss proportional zur Wirkung sein, der anschließenden Trendbewegung. Je länger und breiter die Range, desto größer die potenzielle Bewegung nach dem Ausbruch.

Drei verbundene Kreise: Angebot und Nachfrage als Richtungsfrage, Ursache und Wirkung als Proportionsfrage, Anstrengung und Ergebnis als Qualitätsfrage — die Schnittmenge ergibt den vollständigen Wyckoff-Bias.
Die Buchvorlage (Band I, Abb. 9.3): Ursache und Wirkung ist die Proportionsfrage im Gesetze-System — ihr Werkzeug ist der P&F-Count. Genau diesen Kreis bedient der Projektor.

Soweit die vertraute Hälfte. Die unbequeme Hälfte steht in der Ehrlichkeits-Box desselben Kapitels, und sie widerspricht dem, was die meisten Trading-Seiten aus dem Gesetz machen: Wyckoffs Ursache wird horizontal gezählt. Die verbreitete Lesart »30 Punkte Range-Höhe, also 30 Punkte Ziel« verwechselt die vertikale Höhe der Range mit der Messung, die Wyckoff tatsächlich benutzte. Kanonisch läuft die Zählung über den Point-and-Figure-Count: die Zahl der Spalten in der Kongestion, multipliziert mit der Boxgröße und dem Reversal-Betrag, projiziert von einer Count-Line aus. Die Deep-Dive-Box in Kapitel 10 rechnet es vor und zieht das Fazit, das dieses Werkzeug zum Programm macht: Der vertikale Measured Move ist ein anerkannter, schneller Proxy — als vereinfachtes Mindestziel brauchbar, aber ehrlicherweise nicht der Original-Count.

Warum die horizontale Messung die richtige ist, erklärt der Blick auf das, was in einer Range tatsächlich passiert. Kapitel 10 nennt die Phase B »Building the Cause«: die institutionelle Sammelaktion in Tarnung. Je größer die Position, die der Composite Man aufbaut, desto mehr Zeit braucht er — und desto größer muss die spätere Bewegung sein, um sie profitabel aufzulösen. Zeit ist hier kein Nebeneffekt, sondern ein Kriterium. Ein P&F-Chart macht diese Zeit messbar, ausgerechnet indem es sie aus dem Chart entfernt: Es zeichnet nur Bewegung, und eine neue Spalte entsteht nur, wenn der Markt tatsächlich dreht. Die Breite der Kongestion in Spalten ist deshalb ein direkteres Maß der aufgebauten Ursache als jeder Kalender.

Daraus folgt die Kernthese dieses Beitrags: Das Kursziel steht nicht in der Zukunft, es steht links im Chart — waagerecht. Aber ehrlich gelesen liefert der Count eine Zone mit Konventions-Abhängigkeit, kein Versprechen. Er sagt, wie weit eine Ursache tragen kann, nicht, dass sie trägt. Und sein wichtigstes Nebenprodukt ist ein Veto: Ausbrüche aus schmalen Basen sind strukturell verdächtig, ganz gleich, wie gut die Ausbruchskerze aussieht.

Zur Datenbasis, offen ausgewiesen: Die Lehr-Range in den ersten drei Modi ist eine Modell-Konstruktion nach den Schwellenwerten aus Kapitel 10.5 — im Werkzeug mit ◐ MODELL markiert. Der Gold-Fall dagegen ist echt: Tages-Schlusskurse des Gold-Futures 2020 bis 2024, faktencheck-geprüft, mit ● ECHTDATEN markiert. Die Formel und die Zähl-Regeln kommen aus der WVPO-Wissensbasis, dem geprüften Regelwerk hinter Buch, Academy und App. Nichts hier ist ein Signal. Es ist ein Messgerät.

Das Werkzeug

Beginne im Übersetzer und schalte Kerze für Kerze weiter, bis die erste Reversal-Spalte entsteht — dann weißt du, was eine P&F-Spalte ist, und alles Weitere baut darauf auf.

◐ MODEL — teaching geometry built to the canon thresholds, not real data · Formula ● SSOT · Volume I ch. 9/10

The formula: Ziel = Count-Line-Niveau + Spalten x Boxgröße x Reversal (Akkumulation; Distribution spiegelbildlich nach unten)

A candlestick chart forms on the left, the P&F board on the right — and at every step you see which rule fires. Five candles can be zero boxes; one candle can be three. Step forward until the first reversal column appears.

Close reaches 6 new box(es) downward — the O column grows. No new column.

50405075511051455180521552505285OOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO

Tap a column: the tool highlights the candles that formed it. Some columns are one candle, some a dozen — P&F compresses time unevenly.

A teaching and analysis tool — no signals, no forecasts, no investment advice. The P&F count measures potential, not the future.

Die geführte Tour — sieben Handgriffe, eine Messung

Die Reihenfolge ist bewusst gewählt: erst verstehen, wie die Tafel entsteht, dann selbst messen, zuletzt der Ernstfall. Nimm dir für jeden Abschnitt zwei, drei Minuten.

1 · Der Zwei-Welten-Übersetzer — Kerzen werden Spalten

Was: Links entsteht ein Kerzenchart, rechts die P&F-Tafel, und bei jedem Schritt zeigt das Protokoll, welche Regel greift: Der Close erreicht neue Boxen und die laufende Spalte wächst, oder er bewegt sich im Rauschen und die Tafel ignoriert die Kerze komplett, oder die Gegenbewegung erreicht drei Boxen und eine neue Spalte beginnt. Im Modell gilt die Schlusskurs-Methode mit fünf Punkten Boxgröße und 3-Box-Reversal.

Warum: Wer P&F nur als exotische Chartform kennt, unterschätzt, wie radikal die Übersetzung ist: Die Zeitachse verschwindet. Eine Mark-Down-Kerze von 30 Punkten schreibt sechs Boxen auf die Tafel, fünf ruhige Range-Kerzen schreiben gar nichts. Genau diese Radikalität macht den Count möglich — gezählt wird nur, was der Markt an Richtungswechseln geleistet hat, nicht, wie lange er dafür gebraucht hat.

Übung: Fahre mit »+1 Kerze« durch den Mark-Down bis zur ersten Reversal-Meldung. Notiere, bei welcher Kerze sie kommt — und wie viele Kerzen davor die Tafel komplett ignoriert hat. Das ist der Kern der Übersetzung.

2 · Die Zeit in der Spalte — was P&F verschluckt

Was: Tippe eine Spalte an. Das Werkzeug markiert im Kerzenchart die Kerzen, die sie geformt haben, und zeigt die Spanne: Spalte, Richtung, Boxen, Kerzen von–bis. Im Gold-Modus steht statt der Kerzennummer das Datum — dort stehen manche Spalten für Tage, andere für Monate.

Warum: P&F komprimiert Zeit ungleichmäßig, und genau darin liegt die Information. Eine Spalte, die drei Wochen brauchte, erzählt von zähem, absorbiertem Handel; eine Spalte aus einem einzigen Tag von einem Schub. Für den Count zählen beide gleich — eine Spalte ist eine Spalte. Wer das einmal an der Tafel nachvollzogen hat, versteht, warum der Count die Ursache misst und nicht den Kalender: Er zählt Richtungswechsel, nicht Tage.

Übung: Suche im Übersetzer die Spalte mit den meisten Kerzen und die mit der einzigen Kerze. Wechsle danach in den Gold-Modus und tippe dich durch die Basis: Finde die Spalte, die mehr als einen Monat umfasst.

3 · Die wachsende Ursache — Phase B baut das Ziel

Was: Im Modus »Wachsende Ursache« fährst du mit dem Scrubber durch die Range. Mit jeder neuen Spalte rechnet die Anzeige mit: Spalten mal Boxgröße mal Reversal gleich projizierte Wirkung, als Zielmarke direkt im Chart. Bei zwei Spalten sind es 30 Punkte, in der Mitte der Phase B 105, am Last Point of Support 150. Darunter liegt der Kontrast: eine Mini-Range, drei Spalten, 45 Punkte — mehr gibt diese Pause nicht her.

Warum: Die Phase B ist die Phase, in der Retail das Interesse verliert — es passiert ja nichts. Dieser Modus zeigt, was stattdessen passiert: Jede Woche Seitwärtsbewegung, jeder zusätzliche Richtungswechsel vergrößert die spätere Reichweite. Die »langweilige« Phase baut das Kursziel. Und die Mini-Range daneben ist die Veto-Lehre in einem Bild: Ein Ausbruch aus drei Spalten hat 45 Punkte Rückenwind, keinen Trend.

Übung: Finde mit dem Scrubber die Kerze, an der die projizierte Wirkung erstmals dreistellig wird. Frage dich, wie sich der Chart an dieser Stelle anfühlt — vermutlich nach gar nichts. Genau dann wächst die Ursache.

4 · Die Count-Line — Messen ist eine Entscheidung

Was: Im Messlabor ziehst du die Count-Line auf die Zeile, entlang derer gezählt wird — mit dem Zeiger oder in Ein-Zeilen-Schritten per Taste. Der Kanon legt sie auf die Zeile des LPS-Niveaus, im Modell 5.110, und zählt von der letzten Spalte der Kongestion zurück bis zum Selling Climax. Dazu wählst du das Segment: konservativ nur die Kernkongestion ab Secondary Test, acht Spalten, Ziel 5.230 — oder maximal die ganze Range ab Selling Climax, zehn Spalten, Ziel 5.260.

Warum: Der Count ist kein Automatismus, den ein Indikator ausspuckt. Wo du zählst und wie viel du zählst, sind Analyse-Entscheidungen, und beide musst du begründen können. Die zwei Segmente sind dabei kein Widerspruch, sondern zwei ehrliche Ziel-Stufen: Das konservative Segment liefert das nähere Ziel, das maximale das Potenzial. Wyckoff-Analysten arbeiten seit jeher mit genau solchen Staffeln.

Übung: Ziehe die Count-Line zwei Zeilen über das LPS-Niveau und beobachte die Anzeige: gleiches Segment, gleiche Spalten, aber das Ziel wandert mit. Stelle sie zurück auf den Kanon und wechsle stattdessen das Segment. Notiere beide Ziele — die Spanne dazwischen ist deine Zielzone.

5 · Boxgröße und Reversal — das Ziel ist eine Konvention

Was: Zwei Schaltergruppen stellen die Chart-Konvention um: Boxgröße 2,5, 5 oder 10 Punkte, Reversal 1, 3 oder 5 Boxen. Die Tafel baut sich jeweils neu, Spaltenzahl und Ziel rechnen live nach. Auf 3-Box-Basis springt das Maximal-Ziel von 5.260 (Box 5) auf 5.410 (Box 10); mit 1-Box-Reversal fällt es auf 5.210.

Warum: Hier passiert etwas, das viele beim ersten Mal für einen Fehler halten: Du hast das »Kursziel« bewegt, ohne dass sich eine einzige Kerze geändert hat. Das ist kein Fehler, das ist die wichtigste Ehrlichkeits-Lektion dieses Werkzeugs. Der Count ist eine Funktion der Messkonvention — deshalb ist er eine Zone und kein Punkt, und deshalb gehören Boxgröße, Reversal und Segment als feste Angaben in dein Journal. Wer seine Konvention wechselt, ohne es zu merken, vergleicht Messungen, die nicht vergleichbar sind.

Übung: Bestimme deine Konventions-Sensitivität: Notiere das Maximal-Ziel bei Box 5 und bei Box 10, jeweils 3-Box-Reversal. Die Differenz — hier 150 Punkte — ist der Preis der Konvention. Eine Zahl, die man einmal selbst gemessen haben muss, um Punktziele nie wieder ernst zu nehmen.

6 · Faustregel gegen Kanon — der Proxy im Overlay

Was: Ein Schalter blendet die Faustregel ein: Range-Oberkante plus Range-Höhe, im Modell 5.140 plus 80 gleich 5.220. Daneben stehen die Count-Ziele — konservativ 5.230, maximal 5.260 — und die Anzeige weist die Differenz aus.

Warum: Die Faustregel ist nicht falsch. Das Buch selbst benutzt sie in den Kapitel-Beispielen als schnellen Proxy, und als Mindestziel leistet sie gute Dienste. Aber sie ist eine andere Messung: Sie misst die Höhe der Range, der Count misst ihre Breite. In dieser Lehr-Range liegen beide nah beieinander — das ist eine Eigenschaft dieser Range, kein Gesetz. Der Gold-Fall im nächsten Abschnitt zeigt, wie weit beide auseinanderliegen können, wenn eine Basis dreieinhalb Jahre breit wird: Dort steht der Proxy bei 2.540 Dollar und der Basis-Count bei 3.175.

Übung: Blende den Proxy ein und wechsle das Segment. Merke dir die Faustformel der Einordnung: Der Proxy ist das Mindestziel, der konservative Count die Arbeitszone, der maximale Count das Potenzial — in dieser Reihenfolge werden sie abgearbeitet, nicht versprochen.

7 · Das Projektions-Verhör — dein Auge gegen die Messung

Was: Fünf Fälle, von schmal-dramatisch bis sehr breit, zuletzt die echte Gold-Basis. Du siehst jeweils die fertige Kongestion samt Count-Line und ziehst deine geschätzte Zielzone auf die Skala, bevor die Messung aufgedeckt wird. Bewertet wird die Abweichung in Boxen; die Bilanz führt Durchschnitt und Bestwert, gespeichert nur auf deinem Gerät.

Warum: Die Fälle sind so gebaut, dass sie denselben Fehler provozieren, den der Markt provoziert: Die schmalen, hohen Ranges wirken stark und werden überschätzt, die breiten, flachen wirken zäh und werden unterschätzt. Wer dreimal hintereinander »unterhalb der Zone« liest, lernt etwas über sein Auge, das keine Regel ihm beibringen kann — die horizontale Dimension ist systematisch unterschätzt, und zwar genau dort, wo die größten Bewegungen entstehen.

Übung: Spiele die Serie komplett durch, ohne zwischendurch zu rechnen — erst schätzen, dann aufdecken. Wiederhole sie an einem anderen Tag und vergleiche die Durchschnitts-Abweichung. Sinkt sie, hat sich dein Blick für Breite kalibriert.

Die Nachmessung — Gold 2020 bis 2024

Modelle lehren die Regel, aber die Rechenschaft liefert nur der echte Markt. Deshalb endet dieses Werkzeug mit einer Nachmessung — nicht mit einer Erfolgsgeschichte.

Der Fall: Gold baute vom August 2020 (Zyklus-Hoch bei 2.051,50 Dollar im Schluss) bis zum Februar 2024 eine Basis zwischen 1.623,30 und 2.081,90 Dollar. Auf dem 25-Dollar-Chart mit 3-Box-Reversal sind das 21 Spalten. Am 1. März 2024 kam der Ausbruch bei 2.086,90 Dollar im Schluss. Die drei Messungen, die das Werkzeug zeigt, standen damit fest: die Faustregel bei 2.540,50 Dollar, der Basis-Count bei 3.175 Dollar, der Schenkel-Count — nur der letzte Anstiegs-Schenkel ab Oktober 2023, zwei Spalten — bei 1.950 Dollar.

Gold-Wochenchart 2020 bis 2024 mit der mehrjährigen Akkumulationsbasis, dem Ausbruch Anfang 2024 und dem anschließenden Mark-Up.
Die Buchvorlage zum Fall (Band I, Abb. 11.4): die Gold-Basis 2020–2024 als Composite-Kampagne. Im Werkzeug liegt darüber die P&F-Messung — und die Nachmessung bis zum Datenende.

Was der Markt daraus machte, Stand Datenende 30. Dezember 2024: Die Faustregel wurde am 12. September 2024 erreicht. Das Hoch nach dem Ausbruch lag bei 2.788,50 Dollar am 30. Oktober 2024 — der Basis-Count von 3.175 blieb damit offen, rund 64 Prozent des Weges waren gegangen. Und der Schenkel-Count lag von Anfang an unter der Ausbruchskante: Der letzte Schenkel allein hätte den Ausbruch kaum getragen. Das ist die Breiten-Lehre dieses Falls in einer Zeile — nicht der letzte Anlauf trägt die Bewegung, die ganze Basis trägt sie.

Drei Messungen, drei verschiedene Schicksale: eine erreicht, eine offen, eine als Lehrstück. Genau so sieht ehrliche Projektionsarbeit aus. Ein Count, der zum Datenende offen ist, hat nicht versagt — er war nie ein Versprechen. Und eine Faustregel, die erreicht wurde, beweist nicht die nächste.

Grenzen & Ehrlichkeit

Dieses Werkzeug hat klare Grenzen, und sie stehen hier, nicht im Kleingedruckten.

Der Count ist ein Potenzial-Maß, keine Prognose. Wyckoffs eigene Praxis unterstreicht das: In seinen neun Buying Tests ist das Kursziel eine Prüfgröße unter mehreren, nicht der Handelsgrund. Ein Count sagt, wie weit die aufgebaute Ursache tragen kann — ob sie trägt, entscheiden Angebot und Nachfrage auf dem Weg. Zielzonen werden abgearbeitet und laufend gegen die Marktlage geprüft, nicht abgewartet.

Die Konvention ist deine, nicht die des Buches. Band I schreibt keine Boxgröße vor. Die Werte in diesem Werkzeug — fünf Punkte im Modell, 25 Dollar bei Gold, jeweils 3-Box-Reversal — sind Lehr-Defaults, in der Wissensbasis ausdrücklich als orientierend markiert. Auch die Chart-Methode ist eine Wahl: Das Werkzeug rechnet mit Schlusskursen; die klassische High/Low-Methode erzeugt teils andere Tafeln. Wer den Count einsetzt, legt Box, Reversal, Methode und Segment einmal fest und dokumentiert sie im Journal — alles andere ist Zahlenkosmetik.

Die Gold-Nachmessung ist Rückschau, kein Beleg für Vorhersagbarkeit. Der Fall wurde gewählt, weil er lehrreich ist, nicht weil er repräsentativ wäre. Ein einzelner Fall beweist keine Trefferquote, und dieser Beitrag behauptet keine. Ob der Count in deinem Markt, auf deiner Zeitebene, mit deiner Konvention einen messbaren Vorsprung liefert, klärt nur die eigene Validierung nach dem Verfahren aus Kapitel 17.

Der Projektor bedient eine Stufe, nicht vier. Ursache und Wirkung ist die Proportionsfrage der Trichter-Stufe 1. Ort (Volumenprofil-Zonen), Signal (Struktur) und Trigger (Orderflow) prüft dieses Werkzeug nicht — ein Count ersetzt keinen Einstiegsprozess, er liefert die Reichweiten-Schätzung dazu.

Und das Offensichtliche: Dieses Werkzeug erzeugt keine Signale und keine Prognosen. Es trainiert eine Messdisziplin. Was du damit tust, gehört in deinen Prozess, dein Risikomanagement und dein Risikohinweis-Verständnis.

Akten-Vokabular

Die drei Anker-Begriffe dieses Beitrags, wörtlich nach dem WVPO-Glossar:

Ursache & Wirkung (Wyckoff-Gesetz 2) — »Die Ursache (Konsolidierungsphase) muss proportional zur Wirkung (anschließende Trendbewegung) sein — kanonisch wird die Ursache horizontal über den P&F-Count gemessen, nicht über die Range-Höhe.« (Band I, Kap. 9)

P&F-Count (horizontaler Count) — »Wyckoffs Maß der Ursache: Spalten der Kongestion × Boxgröße × Reversal, projiziert von der Count-Line (Zeile des LPS-/Spring-Niveaus). Liefert eine Potenzial-Zone, keine Prognose; der vertikale Measured Move ist nur ein Proxy.« (Band I, Kap. 9 + 10)

LPS (Last Point of Support) — »Höheres Tief im Mark-Up-Anlauf (Phase D). Anker von Setup 2.« (Band II, Kap. 21)

Wer die Basis, die dieses Werkzeug vermisst, als vollständige Marktgeschichte nachlesen will: Der Beitrag »Gold 2020–2024 — Anatomie einer Akkumulation« erzählt denselben Fall aus der Wyckoff-Perspektive — wer dort kaufte, wo er kaufte und warum. Der Projektor beantwortet die Frage, die dabei offen bleibt: wie weit es tragen konnte. Und wer vor der Reichweiten-Frage erst die Richtungs-Frage klären muss, findet im Chartrand-Verhör das Instrument davor: Erst wenn die Range als Akkumulation gelesen ist, lohnt sich ihr Count.

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